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„Hochzeitsreisende“ im Rhein nehmen wieder zu von Gernot Grabher
Die bedrohte Seeforellenpopulation scheint über dem Berg zu sein Die nagelneue elektronische Zählstation im Fischpass über das Wehr des Kraftwerkes Reichenau bestätigt wie die in den letzte Jahren aufgrund von Reusenfängen händisch angelegte Dokumentation: Die Zahl der zum Laichgeschäft in den Rhein aufsteigenden Seeforellen nimmt stetig wieder zu.
Der Bündner Fischereiaufseher Florian Bebi kann am Monitor
feststellen, Seit dem Bau der damals 6 Millionen teuren Fischtreppe über das Stauwerk im Rhein beim Domat-Ems musste der Bündner Hauptfischereiaufseher Florian Bebi drei Monate im Jahr jeden Morgen an die eingebaute Reuse, die aufsteigende Seeforellen aufhält, das Gerät heben, die Fische zählen und messen – oft im Vorwinter ein nasses und kaltes Geschäft. Jetzt führt Bebi über eine Betonstiege hinab in die neue elektronische Zählstation an der Fischtreppe, die eine Zusatzinvestition von rund 85.000 Franken bedeutete. „Nach einigem Pröbeln funktioniert die Anlage jetzt klaglos“, erklärt Bebi im „Keller“ der Station. Ein Sichtfenster lässt wie in ein Aquarium auf den Zugweg der Fische schauen. Eine Seeforelle im schillernden Hochzeitkleid steht vor dem dicken Glasfenster und macht vorläufig keine Anstalten, auf den hellen Fleck zuzuschwimmen, der den Ausgang nach oben Richtung Vorder- und Hinterrhein signalisiert. Eine Videokamera steht vor dem Fenster, nimmt den Fisch auf. Entsprechende Software hält die Größe und Zahl der Durchzügler fest. Alle paar Tage kann Bebi den speichernden Datenträger entnehmen und dann am Schreibtisch in aller Ruhe auswerten. „Es werden jedes Jahr wieder mehr“, heisst die erfreulichste Feststellung des Bündner Fischereibeamten. Die „Rheinlanke“, einst zu Tausenden auf herbstlicher Laichwanderung den Rhein hinauf, schien vor rund dreißig Jahren am Ende, die Art „salmo trutta lacustris“ stand vor dem Aussterben. Das Drama hatte 1962 mit der Inbetriebnahme des Kraftwerkes Reichenau begonnen, dessen Betonriegel die alte Zugstrasse der Fische unüberwindlich absperrte. Von 1970 bis 1990 wurden die aufstiegswilligen Forellen zu „Raritäten“. Die Fangzahlen liessen das Schlimmste befürchten, nur noch einzelne Exemplare wurden im Tosbecken vor dem Wehr abgefangen und zur künstlichen Nachzucht verwendet. 1980 wurden noch ein Milchner und drei Rogner festgestellt, 1981 war keine einzige Forelle mehr aus dem Bodensee bis zum 90 Kilometer entfernten Domat vorgedrungen. „Fünf nach zwölf“ setzten gemeinsame Anstrengung der Bodenseekantone und Anrainerländer ein, vor allem mit künstlicher Erbrütung wurde die „lacustris“ am Leben erhalten. Die Rettung der rheinstämmigen Seeforelle brachte der Bau des modernen Fischpasses im Jahre 2000, die „Hochzeitsreisenden“ nahmen langsam wieder zu. Im Jahre 2005 passierten 439 Seeforellen die Fischtreppe, 2006 wurden 448 registriert. „Der Aufwärtstrend hält heuer an“, freut sich Aufseher Bebi.
Einige prächtige Seeforellen auf dem Hochzeitszug werden nach wie
vor in der Reuse
Studie brachte Überraschungen Mit einigen althergebrachten Ansichten über den Laichzug der Seeforellen im Alpenrhein räumt eine Studie auf, die der von der Eawag unterstützte ETH-Student Ricardo Mendez heuer vorlegte. Für die Untersuchung wurden 24 in der Mündungsregion des Rheins vor dem Bodensee abgefischte Seeforellen mit implantierten Radiosendern bestückt und dann mit Hilfe der Telemetrie das Wanderverhalten der Fische verfolgt. Die „funkenden“ Seeforellen, an unterschiedlichen Frequenzen erkenntlich, lieferten einige Überraschungen. War man bisher der Meinung, fast alle stiegen zur Fortpflanzung in den Vorder- und Hinterrhein auf, ergaben die Ortungen, dass rund die Hälfte der Fische bereits unterhalb des Wehrs in Domat ablaichten, zwei sogar unterhalb der Illmündung. Zehn Forellen war unterwegs die Hochzeitslust vergangen, sie kehrten offensichtlich unverrichteter Dinge wieder in den See zurück. Andere Tiere wurden wohl bis zu 20 Kilometer zurückgeworfen, nahmen aber den Weg nach oben wieder auf und legten dabei bevorzugt in der Nacht in 24 Stunden bis zu 20 Kilometer gegen die Strömung zurück. Hochwasser und die Schwallbetrieb durch die Energiegewinnung werden als Ursache für das Zurückwerfen der Fische vermutet. Das Ablaichen unterhalb des Kraftwerks erfüllt die Experten mit besonderer Freude, diesen Fischen bleibt wie ihrem Nachwuchs der meist tödliche Abstieg von den Laichgründen durch die Turbinen erspart.
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